Der Begriff Schleudertrauma bezeichnet sowohl den Unfallmechanismus, als auch die Verletzungsfolgen an der Halswirbelsäule. Die Einteilung kann nach der Quebec Klassifikation erfolgen, die sich auf die Beschwerden in den 3 Tagen nach dem Unfall bezieht: Nackenbeschwerden mit Steifigkeit und Schmerz (I) verbunden mit muskuloskeletallen Befunden (II), neurologischen Befunden (III) oder knöchernen Verletzungen (IV). Bei allen Graden können weitere Symptome wie Hörstörungen, Schwindel, Tinnitus, Kopfschmerzen, Gedächtnisstörungen, Schluckbeschwerden und Schmerzhaftigkeit der temporomandibulären Gelenke auftreten. Der häufigste Unfallmechanismus ist die Heckkollision. Ursache kann aber auch ein Sturz sein.
Der klinische Befund in der Akutphase entspricht am ehesten einer Zerrung oder Überdehnung von Muskeln, Sehnen, Bändern und Gelenkkapseln. Es zeigt sich eine diffus oder strangförmig verspannte Nacken- und Schultergürtelmuskulatur bei schmerzhaft eingeschränkter Beweglichkeit der Halswirbelsäule. Die Haut kann überwärmt sein. Die Arbeitsfähigkeit ist seit dem Unfall beeinträchtigt bei einem vorher beschwerdefreien Patienten. In Abhängigkeit von der Symptomatik erfolgt die weiter bildgebende Diagnostik.
Die Beschwerden mildern sich innerhalb von Wochen. Anhaltende Beschwerden und die Entwicklung chronifizierter Verläufe treten bei etwa 10 bis 40% der Betroffenen auf. Unfalltechnische Daten zeigen einen Zusammenhang zwischen der Heftigkeit des Unfalls und der Schwere der Akutsymptomatik. Kein direkter Zusammenhang besteht zwischen der Unfallschwere und einer persistierenden Symptomatik. Daraus ergibt sich die Frage welche Mechanismen für anhaltende Beschwerden verantwortlich sein können?
Aufgrund der geschilderten Mechanismen ergeben sich verschiedene Behandlungsmöglichkeiten. Die einzelnen Therapien müssen dabei miteinander verknüpft und ihre Intensität dem zeitlichem Verlauf angepasst werden.
- Behandlung der myofaszialen Verletzung
a) Das akute Muskelödem kann durch sehr vorsichtige manuelle Techniken, oberflächliche Akupunktur, bzw. Infiltrationen mit Lokalanästhetika beeinflusst werden. Vorsichtige Bewegungserweiterung, Muskeldehnung und isometrische Übungen werden unmittelbar in die Behandlung mit eingebunden.
Liegt das Schleudertrauma länger zurück und bestehen Triggerpunkte, erfordern dies eine intensivere Behandlung durch manuelle Muskeltechniken, Stoßwellentherapie oder eine (tiefe) Akupunktur.
b) Bänder und sehnige Ansätze: Es sollte keine generelle Ruhigstellung erfolgen. Leichte Schmerzmittel sollten sofort und regelmäßig eingenommen werden. Die betroffenen Strukturen sollten identifiziert werden, damit eine entsprechend vorsichtige Belastungsaufnahme (passiv, aktiv assistiert, aktiv) erfolgen kann.
Ist es zu einer Defektheilung gekommen, kann nur eine kontinuierliche Belastung (Zeitraum tgl. über 1 bis 3 Monate) die mechanische Belastbarkeit verbessern. Direkte Akupunktur dieser Strukturen kann den Heilungsprozess anregen. Lokalanästhetika können bei lokaler Überempfindlichkeit, Kortikoide bei Schleimbeutelreizungen eingesetzt werden.
- Behandlung der Schmerzempfindlichkeit und des Schmerzgedächtnisses
In der Akutphase sollten Analgetika verordnet werden. Bei Anzeichen einer Schmerzchronifizierung sollten diese durch schmerzmodifizierende Medikamente ergänzt oder ersetzt werden.
Die Behandlung ist keinesfalls nur medikamentös. Eine Veränderung von chronischen Schmerzen kann über körperliche und meditative Übungen erreicht werden. Eine bekannte Form ist die Muskelrelaxation nach Jacobsen.
- Behandlung von Haltungsveränderungen
Die Aufklärung über Haltungsveränderungen erfolgt anhand von Bildern. Die Beweglichkeit aus der schlechten Haltung heraus wird mit der Beweglichkeit in der richtigen Haltung verglichen. Übungen zur Korrektur werden in der Zusammenarbeit von Patient,, Arzt und Physiotherapeut erarbeitet.
Gelingen kann eine Veränderung nur durch Einbau in den Alltag. Statische Haltungen werden bewusst unterbrochen. Die Übung wird z.B. jedes Mal durchgeführt wenn das Telefon klingelt, etc. Öffnende (außenrotatorisch-extendierende) Bewegungen unterbrechen die zusammengesunkene Haltung. Übung steigert die Koordination und Ausdauer. Dabei können leichte Hanteln oder ein Theraband verwendet werden.
- Behandlung der Funktionsveränderungen der Wirbelgelenke
Eine Indikation ergibt sich im Verlauf der Behandlung, wenn die Therapie stehenbleibt. Eine weitere Indikation entsteht, wenn die allgemeine Symptomatik abklingt und sich jetzt die Beschwerden klinisch den Facettengelenken zuordnen lassen. Die Bildgebung kann Hinweise geben. Die Beteiligung der Facettengelenke an einer Funktionsstörung kann aber nur durch die Reaktion auf die Infiltration bewiesen werden. Im Zusammenspiel mit den unter 1 bis 3 genannten Behandlungen ist die Infiltration der Facettengelenke eine ursächliche Behandlungsmaßnahme durch die eine anhaltende Verbesserung erreicht werden kann.
Dr. med. Jochen Knies - Hamerweg 8 - 83022 Rosenheim