Welche Ursachen gibt es für anhaltende Nackenschmerzen?
Prinzipiell gibt es drei Ursachen: Die Muskulatur, die Gelenke einschließlich der Bandscheibe und die Haltung der Wirbelsäule. Diese drei Ursachen treten gerade bei anhaltenden Schmerzen in Kombination miteinander auf.
Wie können Muskeln Schmerz auslösen?
Eine Überlastungen des Muskels führt bekannterweise zu einem Muskelkater. Der Muskel ist dick, er fühlt sich geschwollen und steif an. Wenn er sich bewegen muss, schmerzt er. An der Halswirbelsäule kann solch eine Überlastung am Schulterblattheber auftreten. Dieser zieht von den Wirbeln der oberen Halswirbelsäule zum Schulterblatt. Schleppe ich jetzt einen Tag lang Kisten, kann dieser Muskel überlastet werden. Wenn ich den Kopf drehe oder nach vorne beuge, schmerzt es. Die Schwellung durch die akute Überlastung geht meist innerhalb von zwei Tagen zurück.
Und wie kann diese akute Überlastung dann zu anhaltenden Schmerzen führen?
Wenn die Beschwerden anhalten, liegt meist eine zusätzliche Verletzung vor. Eine typische Stelle ist der Ansatz des Schulterblatthebers am Schulterblatt. Hier gibt es sogar bei etwa 50% der Bevölkerung einen Schleimbeutel, der sich entzünden kann. Ein weiterer Grund für anhaltende Nackenschmerzen ist, wenn die muskuläre Überlastung an einer degenerativ veränderten Halswirbelsäule stattfindet. Die Arthrose der kleinen Wirbelgelenke wird aktiviert.
Was hat unser überlasteter Muskel mit der Gelenkentzündung zu tun?
Die Gelenkflächen der Wirbelgelenke gleiten bei jeder Bewegung übereinander. Im Normalfall sind sie extrem glatt und die Gleitbewegung ist kein Problem. Sind die Gelenkflächen aufgeraut, wie bei einer Arthrose, geht dies schon schwerer. Und wenn die aufgerauten Gelenkflächen durch die schmerzhafte verspannte Muskulatur aufeinandergedrückt werden klappt es gar nicht mehr. Der Knorpel wird abgerieben und reizt die Gelenkinnenhaut. Das schmerzende Gelenk möchte nicht bewegt werden und die Muskulatur wird noch fester.
Manchmal treten die Beschwerden aber ohne deutliche Überlastung auf. Wie können diese Beschwerden erklärt werden?
Jeder Muskel trägt eine Art Gedächtnis für Verletzungen und Überlastungen in sich. Wenn das Gedächtnis voll ist, läuft es über und es kommt zu Schmerzen. Das Überlaufen passiert eher, wenn die Schwelle gesenkt wird, zum Beispiel durch Unterkühlung oder Stress. Die Schwelle kann aber genauso höher verlaufen durch regelmäßige Bewegung oder Freude.
Interessant ist nun, dass wir dieses Muskelgedächtnis ertasten können. In einem funktionsgestörten Muskel gibt es harte Bänder. In diesen Bändern finden wir kleine Stellen, die sehr starke Schmerzen auslösen. Schaut man sich diese Stellen genauer an, bestehen sie aus Hunderten von kleinen kontrakten Muskelfaserknötchen. Die Umgebung ist sauer und arm an Sauerstoff. Diese Stellen nennen wir Triggerpunkte. Sie triggern (engl. auslösen) Schmerzen. Triggerpunkte sind das Gedächtnis des Muskels für vergangene Überlastungen und Verletzungen.
Kann ich das Gedächtnis des Muskels auch wieder verändern?
Ja, das Gedächtnis des Muskels kann durch vorsichtiges Dehnen und Kräftigen positiv verändert werden. Also durch mechanische Faktoren. Besteht die Veränderung längere Zeit, kann ich nicht über den ganzen Muskel arbeiten, sondern muss den Triggerpunkt genau finden, um ihn dann lokal zu behandeln. Es gibt hier die Vorstellung, dass die Triggerpunkte in festes Bindegewebe eingebaut werden. Dies vermindert die Schmerzen bei einer Dehnung, aber gleichzeitig auch die therapeutische Wirkung der Dehnung. Lokal kann ich ihn dagegen noch behandeln.
Schlimmer ist aber, dass es bei längerem Bestehen des Schmerzes zu Veränderungen auf der Ebene der Schmerznerven und der Verschaltung dieser Nerven im Rückenmark kommen kann. Zu dem Schmerzgedächtnis der Nerven haben wir im Gegensatz zum Muskel keinen unmittelbaren Zugang. Wir können Medikamente einsetzen und gleichzeitig eine Behandlung der Muskeln, der Gelenke und der Bewegung durchführen. Bei sehr chronischen Fällen lässt sich die Reaktion des Schmerzgedächtnisses aber nicht immer vorhersehen - mit entsprechender Frustration, sowohl beim Patienten, wie auch beim Arzt. Eine Form der Behandlung ist die multimodale Therapie, die meist stationär vorgenommen wird. Sinnvoller ist es auf jeden Fall anhaltende Nackenschmerzen früher zu behandeln. Und auch dann schon eine Kombination verschiedener Therapien einzusetzen.
Neben den Muskeln und Gelenken der Wirbelsäule hatten sie vorhin auch die Haltung als Ursache für anhaltende Nackenbeschwerden genannt. Was meinen sie damit?
Es gibt zwei wesentliche Haltungsprobleme. Das erste sind statische Haltungen, zum Beispiel die Haltung, die wir vor dem Computer einnehmen. Der Kopf nähert sich dem Computer an und steht nicht mehr über dem Körper, sondern hängt in den Seilen. Die Seile bestehen aus der unbewegten Muskulatur, die Kopf und Schultergürtel verbindet. Bestimmte Muskeln werden stundenlang gedehnt, andere stundenlang in einer verkürzten Stellung gehalten. Beides führt zu Problemen.
Die andere Haltung zeigt sich durch einen Knick in der mittleren Halswirbelsäule, gerade so als wären wir erschrocken und zögen unseren Kopf ein, nur mit dem Unterschied, dass wir dies über Tage, Monate und Jahre tun. Die mittlere Halswirbelsäule ist der Ort, an dem der Orthopäde dann später die Arthose der Wirbelgelenke auf der Röntgenaufnahme sieht. Diese Haltung führt zur Bewegungseinschränkung und Schmerzen beim Drehen des Kopfes.
Und was wäre dann eine bessere Haltung?
Niemals zu lange still vor dem Computer sitzen, den Kopf über die Schultern stellen, die Halswirbelsäule lang machen und die Brustwirbelsäule in die Bewegung mitnehmen. Einfach gesagt, aber gar nicht so leicht umzusetzen. Wichtig ist, sich Zeit und professionelle Hilfe zu nehmen, um die Haltung zu verändern.
Unsere Haltung ist natürlich für Sport oder ein Training sehr wichtig. Wenn wir aus der falschen Haltung heraus trainieren, werden Muskeln viel schneller überlastet bzw. Gelenkstrukturen verletzt. Durch die richtige Haltung wird die Bewegung in sich stabiler. Training und Bewegung bringt die einzelnen Muskeln wieder in ein Gleichgewicht. Der eine wird etwas kräftiger, der andere etwas beweglicher.
Sie haben jetzt über die Veränderung der Haltung gesprochen. Wie behandeln sie die anderen schmerzauslösenden Strukturen, also Muskeln und Gelenke?
Das Ziel ist, den Punkt zu erreichen, an dem der Patient durch Bewegung sich wieder selber helfen kann. Dazu müssen die Schmerzen durch muskuläre Triggerpunkte und Gelenkreizungen angegangen werden. Trigger des Muskels kann ich manuell (über Druck), mit Akupunkturnadeln oder mit Stoßwellen behandeln. Gelenke sprechen bei einer Entzündung am besten auf eine Injektionstherapie an. Im Bereich der Halswirbelsäule ist diese sicherer unter Bildkontrolle durchzuführen. In chronischeren Fällen sollten auch Medikamente für das Schmerzgedächtnis der Nerven verwendet werden. Durch diese pragmatische Therapie kann man in den meisten Fällen eine Besserung erreichen. In den Fällen, wo nur Haltung und/oder Muskel betroffen sind – auch eine vollständige Ausheilung.
Sie empfehlen also eine Kombination von Schulmedizin mit „alternativen“ Methoden und Bewegung?
Ja. Das trifft den Punkt am besten. Durch die Kombination sind die Chancen viel größer und vor allem die Nebenwirkungen, wenn ich keine der Methode bis zum letzten ausreizen muss, geringer.
Vielen Dank für das Gespräch!
Ich danke Ihnen.